Von Onkel Loco, 10. Juli 2008, 22:47 Uhr

Mittwochmorgen. Gegen halb zehn. Ich betrete den Laden. Ein Mann folgt mir. Er wirkt etwas gestresst. Fragt mich, ob wir schon geöffnet haben und ob er schon reinkommen darf.

Blöd, wie ich nun mal bin, sage ich ihm, er könne reinkommen. Und weil ich offensichtlich wirklich einen an der Waffel habe, frage ich auch noch, wie ich ihm helfen kann. Damit besiegle ich mein Schicksal für den Rest der Woche…

Hilfe! Bitte, Hilfe!

»Wir brauchen einen neuen Server. Unserer ist kaputt. Ich komme von der Apotheke. Da vorne, um die Ecke.«
Bei mir schrillen die Alarmglocken. Das klingt nach Außeneinsatz und der Kollege, der das sonst macht, hatte sich gestern krankgemeldet und Chef ist im Urlaub. Ich bin allein. Ich muss da durch, ob ich will oder nicht.
»Alles klar. Ich komme gleich vorbei und schaue mir das mal an.« Ich Idiot.

In der Apohölle

Ich betrete die Apotheke. Verzweifelte PTAs rennen wie die Hühner hin und her. Man lotst mich in ein Hinterzimmer und zeigt mir den »Server«, der wirklich viele Bezeichnungen verdient hat, nur eben nicht »Server«. Der Rechner hat gute zehn Jahre auf dem Buckel und sieht aus, als würde er regelmäßig mit Fußtritten malträtiert.

Man erklärt mir, es hätte am gestrigen Abend in der Apotheke einen Kurzschluss gegeben und danach wäre der Server kaputt gewesen. Ich werfe einen Blick auf die USV, die neben dem »Server« steht und denke mir: »Hä? Nee. Is klar.«
Unbeirrt fährt der Mann fort. Der Mensch, der sich sonst um die Kiste gekümmert habe, hätte gekündigt und wäre verschollen - und mit ihm das Passwort vom Server. Super. Ich freu mich. Ich schaue mir das Teil näher an und stelle fest, dass da ein SUSE Linux aus der frühen Steinzeit drauf läuft. Ja, Tatsache. Es Läuft! Ich klemme mir das Gerät unter den Arm und erkläre, dass ich versuchen werde zu retten, was zu retten ist.
Bei der Gelegenheit fällt mir auf, dass die USV garnicht angeschlossen war und deshalb den »Server« nicht gerettet hat1.

Zurück in der Vorhölle

Im Laden wird der Blechhaufen2 erstmal aufgebaut. Das Root-Passwort ist schnell ausgehebelt und der Zugriff auf die Reparaturkonsole ist frei. Dann der nächste Schock. Da hat irgendein Kasper ein Software-Raid eingerichtet. Raid0. Ist klar. Und was ist das? Da ist auch noch ein ReiserFS drauf. Das kann ja heiter werden3.

Zeitsprung. Alles platt. Es gibt keine Rettung. Alle Daten sind weg.

Ich informiere die Apotheken-Leute. Der Mitarbeiter vom Morgen bittet mich, ihm ein Angebot für einen neuen Server zu machen und am besten auch noch für die Workstations.

Zeitreise

Beim erneuten Besuch in der Apotheke, bei dem ich feststellen wollte, welche Software benötigt wird und wie die aktuelle Hardware-Situation ist, fühlte ich mich wie auf einer Zeitreise. Pentium III 500, Windows 98, Mäuse ohne Scrollrad, 14zöllige Röhrenmonitore. Ein Alptraum. Ich habe mich bis heute nicht völlig davon erholt. Und wenn ich daran denke, bekomme ich jetzt noch Schweißausbrüche.

Nach dem Rundgang durch die Bude schlage ich vor, das ganze Problem einfach mit einem Streichholz und einem Zehn-Liter-Kanister Benzin zu lösen - aber Verständnis für meinen Schock scheint da niemand aufzubringen…

Vergeblich. Alles vergeblich.

Nach der Vorarbeit mache ich mein Angebot. Ein günstiger HP-Server mir zwei gespiegelten Platten. Eine vernünftige Datensicherung und diverse Dienst- und Serviceleistungen. Nicht gerade billig, aber immer noch billiger als der Verlust aller Unternehmensdaten. Ich gebe mein Angebot also ab und warte auf die Antwort - und sie lautet exakt so, wie ich mir das vorgestellt habe: zu teuer!

Der Herr Apotheker Himself hat entschieden. Ein 300-Euroletten-Ebay-Rechner als neuer Server ist genug. Datensicherung ist Firlefanz und die Workstations sind gut so wie sie sind4.

Ich frage, ob sie sich stattdessen die Streichholz-Idee nicht noch mal durch den Kopf gehen lassen wollen…

Was gelernt?

Und? Haben wir was gelernt? Klar doch. Hier lernt man immer was. Ich fasse mal zusammen:

  1. Jeder Rechner, an dem man nur selten arbeitet, ist ein Server.
  2. Datensicherung ist genauso ein Quatsch wie Datensicherheit.
  3. USVs schützen Server durch ihre Aura.
  4. Bei Ebay gibt’s Hochleistungsserver für 300 Kracher
  5. Apotheker scheinen zu viel von den Medikamenten zu nehmen, die sie eigentlich verkaufen sollten. Oder sind es zu wenig von den Medikamenten?
  6. Gegen Dummheit gibt es keine Medikamente.

Ich gehe jetzt irgendeiner Bildungsinitiative was spenden. Macht’s gut!

  1. ARGH! Was zur Sch***** soll sowas? Wie blöd kann man denn sein? Wie soll das gehen? Durch irgendwelche Kraftfelder, oder was? []
  2. Das trifft es einfach besser als Server… []
  3. Wenn Ihr mich fragt, hätte Hans Reiser nicht erst für den Mord an seiner Frau ins Gefängnis gesollt… []
  4. Wenn Geräte so alt werden, dass sich kein Schwein mehr damit auskennt, dann sind diese Systeme plötzlich wieder sicher… []
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Bisher 21 Kommentare zum Artikel

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  1. Kommentar von Nathalie

    Wenn es sowas gäben würde, wären eine menge Leute davon begeistert :)

  2. Kommentar von Dowaka

    Ist ja mal eine hübsche Erfindung eine Tablette gegen Dummheit ^^

  3. Kommentar von Ed Hardy

    >Es gibt viele Medikamente gegen die Dummheit ;) aber nicht in Form einer Tablette ;) ;)

  4. Kommentar von Hannes Christiansen

    Ein herrlicher Artikel, die Streichholzidee ganz oben. Unbedingt anwenden!
    Solange, bis die sich etwas Ordentliches anschaffen wollen.

  5. Kommentar von Jochen

    Würde es ein Medikament gegen Dummheit geben, dann würde ich es sofort kaufen und meinen Bruder geben :D

  6. Kommentar von Laura

    Haha. Ja dein Artikel ist super. Und das mit den “zu viel Tabletten nehmen” könnt ich mir sogar vorstellen… ;)

  7. Kommentar von rob

    hehe danke. das war echt gut :)
    lange nicht mehr so gut gelacht. danke für diesen post :)

    punkt 3 ist gut :)

  8. Kommentar von Tina love Tischdecken

    Ein Medikament gegen die Dummheit gibt es leider nicht.

    Aber wenn ihr eins erfindet sagt bescheit, das würde ich dann an einige Lehrer unserer Schule verteilen

  9. Kommentar von preveta

    Oh Man… Du hast es scho auch nicht einfach. Konnte dir der Apotheker denn nich ein Paar Beruhigungstabletten mit an die Hand geben, damit Du wenigstens abend beim einschlafen keine Probleme mehr hattest :)

    Ja, die Praxis ist Kurios^^

    Mfg

  10. Kommentar von Jürgen

    Die Überschrift passt ja echt perfekt. Lese hier immer sehr gerne (auch, wenn ich mich nicht mega dolle mit Computern auskenne). Die Apotheker hatten bestimmt nur Angst, sie können mit etwas neueren PCs nicht umgehen. Nicht mehr so lernbereit vielleicht.

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