9.00h - 10.00h
9.00h Ich verlasse die Wohnung. Die U-Bahn-Fahrer streiken nicht. Werde also pünktlich um 9.30h im Shop ankommen. Gegen die drohenden Gefahren der Anreise schütze ich mich mit Ohrstöpseln und lauter Musik. Ich hege die Hoffnung, heute zum Programmieren zu kommen. Das Projekt muss schliesslich auch irgendwann mal fertig werden.
9.15h Sitze in der U-Bahn. Alle Fahrgäste scheinen in Gedanken versunken, niemand randaliert. Ich frage mich, wo heute die Typen mit den alkoholischen Getränken herumhängen.
9.25h Fast geschafft. Nur noch wenige Meter. Auf der Einkaufsmeile haben die Trödler begonnen, ihre Stände aufzubauen. Die Schnorrer haben ihre üblichen Positionen bezogen. Der kleine Hund des Einen hat Glück: heute gibt’s Brötchen zum Frühstück. Die Jungs mit den alkoholischen Getränken halten am Platz vor dem Café im Pavillion ihr morgendliches Meeting ab. Wenn ich zwischen 18.00h und 19.00h heimgehe, werden sie da immer noch sitzen.
9.30h Da ist der Shop. Das Schild mit der Aufschrift »Gebrauchte Notebooks - ab 285,00 €« steht schon draußen. Chef ist also schon da. Er hat mal gesagt, er fange gerne früher an. Dann könne er noch was schaffen, bevor der Streß losgeht. Witzigerweise glaubt er wohl wirklich daran…
Ich betrete den Laden. Der Kaffeegast ist schon da. Ist er eigentlich immer. Sitzt an der Theke und schlürft seinen Kaffee. Nehme mir vor, den Chef heute mal zu fragen, ob er den Typen eigentlich kennt…
Jetzt erstmal einen Kaffee.
10.00h - 11.00h
10.10h Es geht schon los. Hatte gerade die Entwicklungsumgebung gestartet und mich in meinen eigenen Quelltext eingelesen, da kommt eine Omi in den Laden. Ah ja. Der nette Lehrer von der Volkshochschule hat uns empfohlen. Bei uns gäbe es günstig gute, gebrauchte Notebooks. Ideal für Einsteiger. Ich erkläre der Omi, das wäre völlig richtig. Dabei wirke ich so kompetent, dass sie da auch keine Zweifel hat. Was jetzt passiert verwirrt mich. Die Omi möchte sich beraten lassen und ich lege los. Sie hört nicht zu und ignoriert mich. Starrt die Notebooks an. Schaut auf die Tastaturen der zum Verkauf stehenden IBM-Notebooks. Schielt auf das alte Benq-Gerät, das der Praktikant für seine Recherchen1 nutzt. Omi trifft ihre Entscheidung. Sie will das Benq-Notebook. Kein IBM. Sie schwört, sie habe niemals Tastaturen, wie die der IBM-Geräte gesehen. Sie will etwas, was ihr bekannt vorkommt. Das Praktikanten-Notebook. Nichts anderes. Und es ist ihr auch völlig egal, dass die Buchstaben auf den Tasten dieselben sind.
Langsam drängt sie den Praktikanten zur Seite. Wenn ich nicht dazwischen gehe, dann macht sie ihn kalt und flieht mit dem Notebook. Todesmutig werfe ich mich in ihren Weg und schaffe es gerade noch, sie mit einem Fußtritt vor die Tür zu setzen. Mit dem netten Mann von der VHS werde ich ein ernstes Wörtchen reden müssen…
10.30h Seit zwei Minuten beschäftige ich mich wieder mit der Entwicklungsumgebung2, als ein Mann den Laden betritt. Wir hätten da so schöne Uhren im Schaufenster, was die wohl kosten sollen, will er wissen. Chef erklärt ihm, die wären nur Deko und nicht zu verkaufen. Außerdem habe er die im Pennymarkt für vierfünfundneunzig erstanden und die sähen zwar gut aus, wären aber der letzte Mist. Enttäuscht zieht der Typ von dannen.
10.35h Chef erklärt, er hoffe inständig, die Lieferung der neuen Notebooks treffe in den nächsten zehn Minuten ein. Er habe extra für den Abtransport des Verpackungsmülls sein Auto in der Fußgängerzone geparkt und das müsse schließlich bis 11.00h verschwunden sein, weil sich schon eine Traube Politessen um die Karre versammelt hat. Die Damen sind wie die Geier. Und sie ziehen ihre Kreise um das bald fällige Opfer.
10.45h Nachdem zwischenzeitlich zwei Schnorrer ihren täglichen Hasse-ma-nen-Euro-Spruch vorgetragen haben und wir sie (wie immer) davongejagt haben, schicken wir den Praktikanten raus, um die Schnorrer-Rune neben der Eingangstür zu entfernen. Ich überlege, ob wir die nicht vielleicht dran lassen sollten. Wer weiß schon, ob die nicht vielleicht vor uns knauserigem Establishment-Pack warnt und die Jungs am nächsten Morgen davon abhalten soll, es wieder bei uns zu versuchen. Vielleicht ist das deren Art des Customer-Relationship-Management. Ich kann mir ja auch nicht jeden Kunden merken…
10.55h Entnervt verlässt der Chef den Shop um sein Auto umzuparken. Die neue Lieferung ist natürlich noch nicht angekommen. War eh klar…
11.00h - 12.00h
11.10 Gemeinsam mit dem Spediteur, der die Notebooks ankarrt betritt der Chef den Laden. Sein Gesicht erzählt von Mordlust und kaum kontrollierbarer Wut.
11.15h Da ist er ja endlich. Der erste Kunde, der nach einem langen Blick in unser Schaufenster den Laden betritt und die Frage aller Fragen stellt: »Haben Sie auch gebrauchte Notebooks?« Chef und ich schauen uns an, holen tief Luft, sehen uns wieder an. Schließlich sagen wir wie aus einem Mund: »Wir haben nur gebrauchte Notebooks. Das sind alles Leasingrückläufer. Getestet, gereinigt und mit einem Jahr Gewährleistung.«
Mit enttäuschtem Gesichtsausdruck und ohne ein weiteres Wort zu verlieren verlässt der Mann den Laden. Sein Tag ist gelaufen. Jetzt kosten die Notebooks schon fast 300 Kracher und sind trotzdem keine Neugeräte. In dem Laden, das sind alles Raubritter…
11.20h Ich beginne, die Lieferung zu kontrollieren. Chef und ich wollen wetten, dass entweder Netzteile fehlen, oder sich bei einigen Geräten die Seriennummer-Aufkleber des vorinstallierten XP zersetzt haben. Aus der Wette wird nichts. Wir finden niemanden, der dagegenhält.
11.25h Seit fünf Minuten beschäftige ich mich mit den Notebooks, als ein Mann den Laden betritt. Wir hätten da so schöne Uhren im Schaufenster, was die wohl kosten sollen, will er wissen. Chef erklärt ihm, die wären nur Deko und nicht zu verkaufen. Außerdem habe er die im Pennymarkt für vierfünfundneunzig erstanden und die sähen zwar gut aus, wären aber der letzte Mist. Enttäuscht zieht der Typ von dannen, der Chef rollt mit den Augen und nimmt den täglichen Kampf eines jeden Kaufmanns mit Finanzamt, Krankenversicherung und Steuerberater wieder auf. Sein Gesicht sagt, er wünsche sich, endlich auch mal wieder was Produktives tun zu können. Programmieren, nen Server installieren, Projekte planen.
11.45h Ich stehe bis zu den Knien in Verpackungsmaterial. Durch die Durchgangstür zur Bank nebenan zieht der Betreiber des an die Bank angeschlossenen Internetcafés einen Typen im Anzug. »Der Mann hier ist Anwalt und will eine Webseite.«, erklärt er uns und setzt den Knaben an unsere Theke. Die Durchgangstür fällt zu und der Cafébetreiber ist verschwunden.
Chef versucht herauszufinden, was der Anwalt eigentlich will. Dieser erklärt, er wolle eine Webseite für seine Kanzlei. Er könne das zwar alles selber, hätte aber keine Lust und keine Zeit. Als Chef ihm erklärt, dass die Erstellung von Webseiten bei uns Geld kostet, ist der Anwalt sichtlich überrascht. Wie kann man für etwas Geld verlangen, was ja jeder selber machen kann? Außerdem sei Webseite ja Webseite und zum Erstellen einer solchen sei ja wohl keinerlei Qualifikation erforderlich. Webseiten könne man sich schliesslich schon quasi wie im Baukastensystem selber zusammenklicken.
Dies ist der Moment, in dem ich mich frage, ob der Vollspaten denn nicht sehen kann, dass ich ein Messer zum Öffnen der Kartons in der Hand habe und dass sich meine Hand immer fester um den Griff schliesst. Das Blut weicht aus meinen Fingern und die Knöchel treten weiß hervor. Mein Chef wird später behaupten, ich hätte Schaum vor dem Mund gehabt. Der Praktikant wird schwören, er habe niemals einen solch irren Blick, wie meinen in diesem Moment gesehen.
Es ist jetzt kurz vor zwölf. Tatsächlich und für den Anwalt auch im übertragenen Sinne. Ein weiteres Wort und der Schlipsträger ist Geschichte - und wie wir aus der Schule wissen, hat die Geschichte einen Hang zu Blut und hervortretenden Gedärmen…
To be continued…
Wird der Onkel ein Blutbad anrichten? Gibt es für den Anwalt noch eine Chance? Hält der Chef bis zum Feierabend durch? Kommt der Praktikant doch noch zu sich? Wer ist der geheimnisvolle Kaffeegast? Lest mehr im zweiten Teil!3





Kommentar von Janes Make Up Blog
1 20. Oktober 2007, 19:42 Uhr |
Was würde ich für so einen Arbeitstag geben. Bei mir ist es leider nicht ansatzweise so lustig, auch wenn ich meinen Job sehr liebe.
Du hast es aber auch sehr amüsant geschrieben.
Liebe Grüsse
Jane