Es geschah am Abend des letzten Freitag. Es war kurz nach 19 Uhr. Ich hatte Feierabend und wollte auf dem Rückweg von der Arbeit noch auf die Schnelle ein paar Kleinigkeiten im nahegelegenen Discountmarkt erstehen. Zum Abendessen sollte es Lasagne geben und es fehlten einige wichtige Zutaten.
Man sollte meinen, ein Einkauf, für den man nicht einmal einen Einkaufswagen benötigt, ließe sich schnell erledigen und bedürfe eigentlich nicht einer Erwähnung oder gar eines eigenen Blogbeitrages - aber manchmal kommt eben alles ganz anders, als man denkt…
Von der Kunst harmlos zu wirken
Meine Laune war erstaunlich gut für einen Freitagabend. Mein Chef hatte mit einem geschickten Schachzug erreicht, dass es dem Praktikanten nicht möglich war, den Heimweg mit mir zusammen anzutreten und so konnte ich mich auf der Rückreise mit der U-Bahn tatsächlich entspannen und erreichte sicher den Heimatbahnhof.
Als ich den Parkplatz des örtlichen Supermarktes erreichte, lag dieser, nur halb mit PKW gefüllt, still und fast schon friedlich vor mir. Ja, man kann fast schon sagen, dieser Parkplatz strahlte Ruhe und Gelassenheit aus, was, wie jeder weiß, für den Parkplatz eines Discountmarktes sehr ungewöhnlich ist. Normalerweise toben auf solchen Parkplätzen Kleinkriege, die mit von Kleinhirnen gesteuerten Kleinwagen ausgetragen werden. Das war hier und jetzt aber nicht der Fall. Niemand hupte, niemand versuchte, seinen Wagen als Waffe gegen einen frechen Fußgänger einzusetzen.
Wäre ich nicht so entspannt und zufrieden gewesen, wäre mir mit Sicherheit sofort aufgefallen, dass hier etwas nicht stimmt und ich hätte auf dem Absatz kehrt gemacht und die Flucht ergriffen. Ich tat es nicht - und das sollte sich als schwerer Fehler erweisen.
Die Gefahr mit der Gehhilfe
Ich überquerte den Parkplatz. Niemand unternahm wild hupend den Versuch, mich mit einem Seat Ibiza vom Angesicht dieser Erde zu tilgen, niemand versuchte, mich mit einem Fiat Panda vom betreten des Discounters abzuhalten und blind wie ich war tappte ich in die Falle und betrat die Eingangsschleuse des Marktes.
Ich weiss bis jetzt nicht, wie sie es geschafft hat, aber mitten in diesem nur drei Meter langen Eingangsbereich mit den automatischen Schiebetüren an jeder Seite, dessen Durchquerung eigentlich nur maximal drei Sekunden dauern sollte, tauchte wie aus dem Nichts eine Omi mit einer Gehhilfe1 auf. Ich weiß wirklich nicht woher sie kam - aber sie war die erste des finsteren Heeres und gab mit ihrem Auftauchen das Signal zum Beginn der Schlacht um meine geistige Gesundheit.
Und plötzlich war Krieg
Das - auf den ersten Blick - harmlos wirkende Mütterchen mit ihrem AOK-Shopper zeigte plötzlich ihr wahres Gesicht. Sie war Chronos, die Herrscherin über die Zeit, und sie setzte ihre Kräfte ein. Die Sekunden schienen stehenzubleiben und sie bewegte sich wie in Superzeitlupe. Hinter mir schlossen sich die automatischen Schiebetüren und für fast fünf Minuten war ich hinter dem Mütterchen in der Schleuse gefangen. Ein Überholen war unmöglich und für das menschliche Auge war es fast unmöglich, ihre Bewegungen wahrzunehmen.
Als ich die Hälfte der drei Meter hinter mich gebracht hatte, schlugen die dort angebrachten Flügel mit den Hinweisen auf empfohlene Laufrichtung zu und trafen mich in den Unterleib. Wahrscheinlich waren die Sensoren nicht in der Lage zu erkennnen, dass Chronos und ich uns tatsächlich bewegten…
Nachdem ich durch die Tränen in meinen Augen wieder etwas sehen konnte, stellte ich fest, dass Chronos die Schiebetür in die Verkaufshalle des Marktes passiert hatte. Ich drängte mich an ihr vorbei und die Zeit nahm wieder ihre normale Geschwindigkeit an.
Hindernislauf
Was ich jetzt sah, raubte mit kurz den Atem. In den Gängen waren »Aktionstische« aufgebaut. In Wahrheit waren es Hindernisse, die mich in meinem Vorankommen hindern und auf meine Gegner zutreiben sollten. Und meine Gegner warteten bereits auf mich…
Diese Gegner waren zunächst nicht von den normalen Einkäufern zu unterscheiden, bis die Macht des Bösen in sie hineinfuhr und von Ihnen Besitz ergriff, woraufhin sie mich unvermittelt angriffen. Normale Menschen schienen plötzlich jedes Gefühl für ihre Umgebung zu verlieren und vom Warenangebot abgelenkt zu werden. Dies hatte zur Folge, dass sie den Blick von mir abwandten und mich gleichzeitig mit ihren Einkaufswagen anzufahren versuchten.
Einige Male konnte ich mich nur durch einen Sprung auf eine der an den Wänden aufgestellten Paletten in Sicherheit bringen oder durch geschicktes Abtauchen unter einen der »Aktionstische« retten.
Psychologische Kriegsführung
Nachdem ich allen physischen Attacken entgangen war und auch noch meine Beute2 in den Händen hielt, versuchte das Schattenheer aus realitätsentrückten Zombies eine andere Taktik: Gedankenkontrolle.
Plötzlich konnte ich an nichts anderes als Flucht denken. Ein Teil von mir war sogar bereit, die erbeuteten Waren in das nächstgelegene Regal zu werfen und auf dem direktesten Weg das Gebäude zu verlassen. Ich war bereit, an diesem Abend zu hungern, nur um der schwersten Prüfung dieser Einkaufshölle zu entgehen: der Kasse.
Unter Aufbietung all meiner Kräfte und all meines Geschicks kämpfte ich mich in Richtung der Fließbänder, die die Waren unaufhaltsam auf die furchterregend dreinblickenden »Kassiererinnen« zurollen lassen.
Nachdem ich trotz mehrfacher, schmerzender Kollisionen mit den Einkaufswagen verschiedener Schoppingzombies eine Kasse erreicht hatte, an der sich, wie an allen anderen Kassen, plötzlich eine lange Schlange gebildet hatte, hatte ich für kurze Zeit das Gefühl, ich könne diesen Höllentrip lebendig überstehen. Doch dieses Gefühl hielt nur für den Bruchteil einer Sekunde an - dann erblickte ich Chronos in der Warteschlange. Ich wusste nicht, wie sie es in dieser kurzen Zeit bis in diese Schlange geschafft haben konnte, aber sie hatte es geschafft.
Das Ende ist nahe
Als ich sah, dass Chronos am Ende des (mittlerweile leeren) Fließbandes stehenblieb und mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen begann, ihre Einkäufe3 auf das Band zu befördern, wanderte mein Blick sehnsüchtig zur Nachbarkasse herüber und ich wurde von einem Gefühl heimgesucht, dass sich am trefflichsten als Wut beschreiben lässt.
Diese Wut übernahm die vollständige Kontrolle über mich, als ich an der anderen Kasse einen Clon Chronos erblickte. Dieser Clon schien mich hämisch anzugrinsen4 und an das was jetzt geschah, habe ich nur noch bruchstückhafte Erinnerungen.
Ich erinnere mich an Schreie, Blut und Hackfleisch. An Explosionen von geriebenem Käse und an an der Kasse ausgelegte DVD-Rohlinge, die zu Waffen wurden. Dann Schwärze.
Sonntag
Es ist mittlerweile Sonntag. An den Samstag habe ich keine Erinnerung mehr. Auch der Rest des Freitagabend wurde von meinem Hirn ersatzlos gestrichen. Ich sitze hier und notiere meine Gedanken in dem Versuch ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und ja, auch um meine Furcht vor der morgigen Ausgabe der Lokalzeitung in den Griff zu bekommen. Wer weiß schon, was wirklich in diesem Höllenschlund passiert ist? Wer weiß schon, was Realität war, und was nicht5.
Ich frage mich, ob ich wohl der Einzige bin, dem beim Einkaufen solche seltsamen Dinge passieren. Wie ist das bei Euch?
- Ihr wisst schon… Diese Karren, die diese Omis immer vor sich herschieben und mit denen sie einem an der Kasse immer in die Hacken fahren… [↩]
- Bestehend aus Hackfleisch und geraspeltem Käse. [↩]
- Von denen ich wirklich nicht weiss, wie sie die alle auch noch in der kurzen Zeit zusammentragen konnte… [↩]
- Nüchtern betrachtet könnte diese alte Dame auch einfach ein Problem mit ihren Dritten gehabt haben, aber das erschloss sich mir in dieser Situation nun wirklich nicht. [↩]
- Notiz: vielleicht sollte der »Selbstversuch: Wahnsinn« endgültig unter psychologische Aufsicht gestellt werden… [↩]





Kommentar von Mareike
11 15. Juli 2008, 12:34 Uhr |
Ich komme aus dem Lachen nicht mehr raus…sehr guter Text.
Kommentar von Lasse
10 7. April 2008, 00:46 Uhr |
Sag nichts gegen Fiat Panda. Was soll Chronos heissen?
Kommentar von Chris
9 20. Dezember 2007, 11:29 Uhr |
*looool* “Chronos”, herrlicher Name für eine langsame Omi
Kommentar von erik
8 21. Oktober 2007, 15:32 Uhr |
Wirklich köstlich geschrieben, ich habe Tränen in den Augen vor Lachen.
Das versüsst mir den Sonntagnachmittag noch mehr…:-)
Kommentar von barbara
7 17. Oktober 2007, 16:56 Uhr |
was du alles erlebst *lol*
herrlich geschrieben. Danke.
Kommentar von Gaviota
6 16. Oktober 2007, 12:51 Uhr |
Lieber tío loco!
Nicht rot werden…. einfach nur entspannen und mal geniessen
Kommentar von Onkel Loco
5 16. Oktober 2007, 08:52 Uhr |
@Gaviota: Da fühle ich mich aber jetzt wirklich gebauchpinselt. So viel Lob bin ich nicht gewohnt. Außerdem habe ich nur Kritikfähigkeit gelernt - die Lobfähigkeit ist da auf der Strecke geblieben.
Ich gehe also jetzt mal in die Ecke und werde rot
Kommentar von Gaviota
4 15. Oktober 2007, 22:42 Uhr |
Deine Seite wurde mir empfohlen und es hat sich gelohnt!
Dein Beitrag chronische Rechtschreibentzündung - fantastisch!
Und dieser hier, der Wahnsinn! Du weißt, wie man einen Leser fesselt! Dein Humor gefällt mir. Kompliment!!
Kommentar von Spyronator
3 8. Oktober 2007, 21:03 Uhr |
ich arbeite schon gedanklich an replikatoren
;)
Kommentar von Onkel Loco
2 8. Oktober 2007, 08:50 Uhr |
Hollera Spy!
Zwotens: Wenn man am Freitagabend spontan eine Lasagne machen will, ist das ein Problem mit dem online Bestellen. Wenn es doch bloß downloadbare Lasagne gäbe…
Erstens: Schön, dass Du in letzter Zeit öfter hier mitliest und -kommentierst. Der Onkel freut sich