Von Onkel Loco, 25. September 2007, 21:13 Uhr

Ich hatte gerade ungeschützten Verkehr. Öffentlichen Personennahverkehr, genauer gesagt. Er war nicht geplant und das alles geschah ganz spontan. In der U-Bahn. Ich glaube, ich habe mir dabei eine Krankheit eingefangen…

Aber mal von vorn…

18.00 Uhr. Feierabend. Raus aus dem Laden und alles schön sorgfältig abgeschlossen. Fluppe an. Auf zur U-Bahn. Der Praktikant geht mit. Hat den selben Weg. Das ist der Moment, in dem mein Martyrium seinen Anfang nimmt.

Wie gesagt, der Praktikant geht mit und bringt mich so dazu, die Heimreise ohne die sonst übliche, direkt ins Ohr injizierte Musikdröhnung anzutreten. »Sollte kein Problem sein. Ich werde die Fahrt überstehen.«, denke ich, als ich auf dem Bahnsteig feststelle, dass ausnahmsweise keine Baggyhosenträger mit gegelten Schmierfrisuren die ganze Halle mit irgendwelchem Krach beschallen.

Auch als die U-Bahn einfährt ist mein Optimismus ungebrochen. Für eine Bahn im Feierabendverkehr ist die Kutsche erstaunlich leer. Super Sache. Der Praktikant und ich suchen uns einen Platz am Ende des hinteren Bahnteils. Und hier, lieber Leser, ist der Moment gekommen, an dem das Grauen… aber lest selbst.

Die Nummer schlägt sieben.

Zwei Plätze neben mir sitzen eine Mutter und ihre kleine Tochter. Älter als fünf Jahre ist das Gör mit Sicherheit nicht. Gefährlicher als das schlimmste Monster aus dem blutigsten Splatter ist die Lütte aber alle mal.
Gerade als der Zug sich in Bewegung setzt, beginnt das Kind einen monotonen Singsang. »Die Nummer schlägt sieben. Die Nummer schlägt sieben. Die Nummer schlägt sieben.«, wiederholt sie Gebetsmühlenartig.
Die ersten fünf Minuten der Fahrt hege ich noch die Hoffnung, sie höre bald damit auf. »Die Nummer schlägt sieben.«
Die nächsten fünf Minuten der Fahrt starre ich sie mit meinem finstersten Blick an. Sie ignoriert mich. »Die Nummer schlägt sieben.«
Die folgenden fünf Minuten überlege ich, dem Kind mitzuteilen, dass Nummern niemals schlagen, ich mich aber genötigt sehen könnte, das für die Nummern zu erledigen, falls sie nicht den Kopp zu macht. »Die Nummer schlägt sieben.«
Die nächsten fünf Minuten versuche ich, mich auf die Fahrgeräusche der U-Bahn zu konzentrieren. Es fällt mir mehr als schwer. »Die Nummer schlägt sieben.«
Die letzten fünf Minuten meines Martyriums kämpfe ich mit aller Macht darum, meine mittlerweile weichgekochte Murmel1 dazu zu überreden, den unkontrollierten Speichelfluss einzudämmen, um mir ein letztes bisschen Würde zu bewahren. »Die Nummer schlägt sieben.« »Die Nummer schlägt sieben.« »Die Nummer schlägt sieben.« »Die Nummer schlägt sieben.« Alles vergebens.

Meine Odyssee dauerte 25 Minuten. In dieser Zeit hämmerte das Balg mir ihr Mantra fast 1000 mal ein und mein Widerstand war gebrochen. Wortlos verabschiedete ich mich vom Praktikanten und ging zur Tür des Waggons. Bevor ich aussteige höre ich die Mutter zu ihrem Kind sagen: »Sing doch mal ein anderes Lied.« Die Tochter scheint gut erzogen zu sein und gehorcht ihrer Mutter. »Die Nummer schlägt acht. Die Nummer schlägt acht. Die Nummer schlägt acht. Die Nummer schlägt acht.«

Vernichtend geschlagen.

Fluchtartig verlasse ich die Bahn. Ich bin ziemlich benommen. Den richtigen Ausgang aus der U-Bahn-Station finde ich erst geraume Zeit später. Ich meine mich zu erinnern, dass mir auf dem Weg zur Wohnung einer alte Frau mit Gehhilfe behilflich war, die Strasse zu überqueren - sicher bin ich mir da allerdings nicht. Das Einzige, dass mir momentan als gesichert erscheint, ist die Tatsache, dass ich nie wieder ungeschützten Personennahverkehr haben werde. Praktikant hin oder her. Aus purer Höflichkeit werde ich mir mit Sicherheit nicht meinen letzten Rest geistiger Gesundheit ruinieren lassen. Schließlich soll für meinen »Selbstversuch: Wahnsinn« noch eine gewisse Substanz als Testmaterial bleiben.

Anderswo ist’s auch schön.

Und weil es gerade so wunderbar passt: Der Herr Rick, seines Zeichens Schafredaktor bei meinem Revolverblatt »Unterneuntupfing Aktuell« widmet das heutige Titelthema dem heutigen »Internationalen Weltidiotentag«. Wo der Zusammenhang ist? Ist doch klar: Die Idioten, die der Herr Schafredaktor in seinem (wie immer) hervorragend recherchierten Beitrag beschreibt, werden offensichtlich in U-Bahnen zwischen Bochum und Herne trainiert und auf ihre spätere Idiotenkarriere vorbereitet. Von verantwortungslosen und selbstsüchtigen Müttern, deren IQ der Durchschnittstemperatur des Monats Januar entspricht.

So, Kinder. Der Onkel verschwindet jetzt und liest ein Lexikon. Substanz auffüllen und so…
Servus.

  1. Übersetzung aus dem Westfälischen: mein strapaziertes Hirn []
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Bisher 5 Kommentare zum Artikel

  1. Kommentar von Ruth

    Hehe. Nett geschrieben - und leider trifft es auch den Nagel auf den Kopf :(

  2. Kommentar von Heidi

    auch nicht schlecht ;)

  3. Kommentar von Spyronator

    WAHAHAHAHAH …. mensch onkel … wie geil … schrei grad die ganze hütte zusammen… grüsse da Spy

  4. Pingback von Freitagabendshoppinghöllentrip

    […] nicht möglich war, den Heimweg mit mir zusammen anzutreten und so konnte ich mich auf der Rückreise mit der U-Bahn tatsächlich entspannen und erreichte sicher den Heimatbahnhof. Als ich den Parkplatz des örtlichen Supermarktes […]

  5. Pingback von Keksblog » Blow rage out of all proportions

    […] gelungener Selbstversuch Wahnsinn: “Ich hatte gerade ungeschützten Verkehr. Öffentlichen Personennahverkehr, genauer g… Trackback […]

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