Von Onkel Loco, 6. September 2007, 12:49 Uhr

Dass das Internet heutzutage vorrangig für Pornographie verwendet wird, mag manch einer ja mittlerweile akzeptieren. Auch Email-Werbung für diverse Mittelchen zur Steigerung der Potenz und der Vergrößerung des primären männlichen Geschlechtsorgans gehören zum Alltag.

Gerüchten zufolge soll es aber auch Menschen geben, die sich durch die zunehmend aggressiver werdende Werbung aus diesem Bereich regelrecht belästigt fühlen. Ich für meinen Teil kann diesen Menschen durchaus nachfühlen, bin ich doch der Meinung, man könne das Internet doch auch mal für über die Pornografie hinausgehende Zwecke einsetzen. Wäre doch durchaus praktisch…

Nachdem jetzt festgestellt wurde, dass mittlerweile eine Milliarde Menschen das Internet nutzen, sollte man doch eigentlich meinen, dass dieser ständig wachsende Markt nicht nur den pr0n-Spammern genug Kundschaft bietet, sondern darüberhinaus auch noch massig Platz für die Klingeltonmafia vorhanden sein sollte. Offensichtlich ist diese Annahme falsch, wie ich am gestrigen Abend feststellen musste.

Hose auf und los!

Gestern war Mittwoch. Es war also der Abend, am dem eine der beiden einzigen Serien läuft, die im deutschen Fernsehen überhaupt noch zu ertragen sind: Boston Legal.
Wie es aber nunmal so ist, gibt es auch bei guten Serien ständige Werbeunterbrechungen und eine dieser Zwangspausen nutze meine Freundin zum Aktivieren des VOX-Videotexts12. Schwerer Fehler…
Offensichtlich ist der Videotext mittlerweile an das weltweite Netzwerk angeschlossen, ohne dass jemand es für nötig gehalten hätte, einen Spamfilter zu aktivieren.
»Hose auf und los!« prangte dort in großen, roten Lettern und teilweise wurden 50 Prozent der Index-Seite durch Erotikwerbung ersetzt. Ich war schockiert. Wechseln sich die Klingelton-Piraten und Versicherungsdrücker jetzt tatsächlich mit den Porno-Spammern ab? War’s das jetzt mit dem letzten Rest Niveau?

Ich mach’ Dich arm! Mit nur einem Anruf!

Schaulustig wie der Mensch nun einmal ist, riefen wir natürlich auch die angegebene Seite im Videotext auf. Mit sehr eindeutigen Slogans wiesen auf dieser Seite mehrere Anzeigenblöcke darauf hin, man könne nur über die ausgewiesenen Rufnummern Kontakt mit Frauen aufnehmen, deren sekundäre Geschlechtsmerkmale von gewaltiger Größe sein sollten und deren primäre Geschlechtsmerkmale… ich spar mir das und überlasse den Rest Eurer Phantasie.

Was aber machten diese Werbeblöcke jetzt da im Videotext? Müssten die Sender nicht versuchen, etwas gegen diese Spammer zu unternehmen? Wissen die denn nicht was Spam ist? Ist denn von denen nie jemand per Email belästigt worden? Hat denn von denen niemand ein eigenes Blog, dessen Betrieb nur noch durch leistungsfähige Plugins vor der Überflutung mit Kommentarspam geschützt werden kann?

Diese Fragen schwirrten mir durch den Kopf, bis ich am unteren Bildschirmrand einen sehr dunklen, blauen Text auf schwarzen Hintergrund entdeckte: die Kostenhinweise.
Die meisten der Rufnummern sollten 2,99 Euro pro Minute kosten. Für wenige Sekunden hielt ich das für teuer - dann aber entdeckte ich noch einen anderen Hinweis.
Ich stellte erstaunt fest, dass ein Anruf bei einer dieser Nummern nur drei Cent pro Minute kosten sollte. Das schien mir wirklich sehr günstig. Die Überraschung wartete allerdings in der nächsten Zeile, denn dort standen die magischen drei Buchstaben: A B O. Langsam dämmerte mir also, dass der vermeintliche Preisbrecher der neueste Hit der Abzocker war. Stolze 56 Kracher im Monat wollten die Freunde für das Abo haben. Und zwar zusätzlich zu den drei Cent in der Minute. Die nehmen es von den Lebenden.

Der Wahnsinn hat Methode

Jetzt war es mir klar. Die Fernsehleute hatten die Spammer offensichtlich eingeladen, weil sie auch von der Hormontorte naschen wollten. Die Klingelterroristen und die Raubritter des Versicherungsordens sind ja schon länger dabei. Warum also nicht auch die Reiter unter dem Banner des geflügelten Gummidildos? Die Kombination scheint doch geradezu ideal, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Man stelle sich folgendes Szenario vor:

Der Kopf der Organisation stellt die Plattformen zur Verfügung3 und sorgt für die Generelle Schwächung der Opfer, indem sie den psychischen Widerstand der Zielgruppe durch niveaulose Unterhaltung bricht.
Derartig vorbereitet wird die Zielgruppe zu einem leichten Opfer der Überfallkommandos. Praktisch freiwillig tauschen die Opfer ihre hartverdienten Euroletten gegen die wirklich nützlichen Dinge im Leben: Krankenversicherung, die für alles aufkommen was man sich vorstellen kann - bis auf Krankheiten und Verletzungen die man sich verschuldet und unverschuldet zugezogen hat; erotische Gespräche mit Hausfrauen, die im Nebenberuf Pornostar sind und den Telefonberuf nur ausüben, weil ein Mann das unglaublich gute Aussehen dieser Frauen nicht ertragen könnte; Klingeltöne und Handylogos, die als Statussymbol ungefähr so wertvoll sind wie… wie… ach, ich habe keine Ahnung. Die sind halt extrem wertvoll.

Die Taktik besticht durch Einfachheit und Effizienz: Überall, wohin man auch geht - die Raubritter der Moderne sind bereits da und warten auf uns. Im Gepäck haben sie alles, was unser Herz niemals begehrte. Das, was wir nie gebraucht haben und niemals brauchen werden. Die Dinge, ohne die ein Leben auf diesem Planeten schon bald unmöglich sein wird.

Kampf um die geistige Gesundheit

Ich habe den Teletext-Knopf aus meiner Fernbedienung herausgehebelt und die Lücke mit einem kleinen Totenkopfsymbol überklebt. An meinem Fernseher hängen kleine Klebezettel, die mich während jeder Gefahrensituation darauf hinweisen, wer und was ich bin. Sie sind quasi wie ein Anker, der mich in der Realität hält und mich ermahnt, statt zur Fernbedienung zu greifen, es lieber mit einem Buch zu versuchen.
Dieser Selbstversuch im Wahnsinn des Alltäglichen ist gefährlicher, als ich zu Anfang gedacht hatte…

  1. Der Anblick ist im Normalfall besser zu ertragen, als die dümmliche Fernsehwerbung, mit der die Hersteller versuchen, das Hirn der Zuschauer endgültig weichzukochen. []
  2. Es hätte übrigens auch jeder andere Fernsehsender sein können. Nur bei den öffentlich-rechtlichen Sendern habe ich noch kein der im folgenden beschriebenen Werbeformen entdeckt. []
  3. Kennt jemand eine deutsche Sendergruppe, die noch keine eigene Version eines Videoportals hat? []
Soziale Einrichtungen:Social News & Social Bookmarking. Sonst nichts.
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Es gibt Beiträge, die sind diesem hier irgendwie ähnlich. Nämlich diese:

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Bisher 11 Kommentare zum Artikel

Seiten: « 2 [1]

  1. Kommentar von crucible

    Passt wahrscheinlich nicht direkt hier her. Aber ich wollte an dieser Stelle mein Kompliment für Deinen Blog loswerden! Top! Immer sehr unterhaltsam.

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