Von Onkel Loco, 24. August 2007, 08:52 Uhr

»Lernstandserhebung«. Wenn ich das Wort nur höre, wird mir irgendwie flau im Magen.
Was eine »Lernstandserhebung« ist? Oh. Das ist leicht zu erklären:
Nehmen wir als Beispiel mal NRW. Da ist im Mai eine »Lernstandserhebung« durchgeführt worden. Jetzt sucht man sich über den Daumen 190.000 Schüler der achten Klassen raus und lässt sie einen Test machen. Da fragt man sie dann verschiedene Dinge ab. In Deutsch und Englisch könnte es das Leseverstehen und in Mathematik das »mathematische Argumentieren und Kommunizieren« sein. Die Tests passt man natürlich den verschiedenen Schulformen an - auf der Hauptschule käme es sonst möglicherweise zu gewalttätigen Ausschreitungen, wenn die Schüler keine einzige der Fragen beantworten können und sich das Frustlevel »Kill, kill, kill!« erhöht.

Überraschungsergebnis

Whatever. Man zieht halt das Ding durch und kämpft sich anschließend durch einen gewaltigen Datenberg. Und jetzt kommt die Überraschung. Das Ergebnis, mit dem kein Mensch jemals gerechnet hätte. Das, was zuvor als undenkbar galt. Es gibt Defizite!1

Wow! Das haut einen doch um, oder? Zuletzt war ich so unglaublich überrascht, als ich feststellte, dass Heiligabend dieses Jahr schon wieder am 24. Dezember stattfindet…

Das Debakel der Defizite

Aber schauen wir uns doch die entdeckten Defizite2 mal näher an. Wie erwähnt, wurde unter anderem auch das Leseverstehen getestet. Trauriges Ergebnis: Ein Drittel der Achtklässler habe ich an dieser Stelle des Textes schon abgehängt. Und dieses Drittel ist bloß der Schnitt. Bei den Haupt- und Gesamtschülern ist an dieser Stelle schon gut die Hälfte der Kinder nicht mehr dabei. Leserver… was?
Von den Ergebnissen im mathematischen Testbereich will ich dann an dieser Stelle auch schon nicht mehr berichten - ist doch klar, dass die keinen Zugang zur Mathematik finden, wenn die das Wort nicht mal lesen können3

Die Geschichte wiederholt sich.

Und als wäre das jetzt alles nicht schon tragisch genug, werden wir uns in Zukunft mit den Folgen herumschlagen müssen. Seien wir doch mal ehrlich. Das, was uns da blüht, haben wir uns selbst eingebrockt.
Ich erinnere mich noch genau an meine Schulzeit. Da ist ständig der Unterricht wegen Lehrermangels ausgefallen4 und es war damals schon schwierig, die geplanten Inhalte zu vermitteln. Heute ist die Situation noch dramatischer. Es gibt noch weniger Lehrer - man muss ja sparen.

Die einzigen, die in der Zeit seit meinem Schulabschluss wirklich überhaupt nichts gelernt haben, scheinen die werten Damen und Herren Politiker zu sein, denn schon damals wurde eindringlich auf das schwindende Bildungsniveau hingewiesen und es galt zu reagieren.
Die Reaktion der Politik war vor nunmehr etwas über einem Jahrzehnt sehr ähnlich der heutigen Reaktion: Man versuchte die Probleme in den Griff zu bekommen, indem man die Skala, an der gemessen wurde, kurzerhand kürzte. »Die Kinder erreichen nicht das nötige Bildungsniveau? Dann sind wohl unsere Ansprüche zu hoch. Wir passen dann mal unsere Erwartungen an die Gegebenheiten an«

Das Ergebnis dieser Idiotie wurde dann als Rechtschreibreform verkauft, welche mit teurem Steuergeld erkauft wurde5. Herzlichen Glückwunsch!

Mach’s noch einmal!

Die heute geplante Vorgehensweise entspricht faktisch dem, was damals geschah: Man will die Lehrinhalte an das Bildungsniveau der aktuellen Schülergeneration anpassen. Ich will Euch das mal an einem (vielleicht etwas überspitzten) Beispiel verdeutlichen.
Es sind Bundesjugendspiele. Bei der Bewertung der Ergebnisse stellt sich heraus, dass nichtmal ein einziger Schüler eine Ehrenurkunde erhalten hat und die Siegerurkunden konnte man an einer Hand abzählen. Das Ergebnis ist also katastrophal und man sieht sich zum Handeln gezwungen - im nächsten Jahr muss alles besser werden. Wie steht man denn sonst im Vergleich zu anderen Bildungseinrichtungen da?

Also wird ein Plan geschmiedet: Statt des Schlagballwurfs setzt man im kommenden Jahr auf die Disziplin Messerwerfen. Das können die Schüler - alles auf dem Schulhof gelernt. Das Weitspringen ersetzt man durch Freestyle-Street-Fight. Das können die Schüler - alles auf dem Schulhof gelernt. Den Sprint ersetzt man durch ein Wettessen. Da sind wenigstens die dicken Kinder nicht benachteiligt. Das können die Schüler - alles vor dem Fernseher gelernt.

Der Erfolg der nächsten Bundesjugendspiele ist phantastisch. Keiner geht mehr ohne Urkunde heim - die Eltern jubeln, die konkurrierenden Bildungseinrichtungen erblassen vor Neid. Dumm nur, dass kein einziges Kind werfen, weitspringen und sprinten gelernt hat…

Was aber tun?

Weil ich nicht einfach nur nörgeln will, was ja bekanntermaßen nicht wirklich was nützt6, möchte ich hier lieber mal ein paar konstruktive Hinweise anbringen.

  1. Wenn Ihr schon »Lernstandserhebungen« durchführen wollt, spart das Geld für aufwändige Tests. Schickt lieber mal jemanden auf die Schuhöfe und lasst ihn da ein paar Tage sitzen. Der Nutzen ist sogar noch größer als bei den Tests. Man erfährt nämlich auch etwas über die soziale Kompetenz der Schüler. Sorgt nur dafür, dass Ihr für diese heikle Mission jemanden aussucht, der Nerven wie Drahtseile hat.
  2. Überdenkt die Strategie »Symptome verstecken ist besser als heilen« vielleicht einmal. Probleme brauchen keine Luft zum wachsen. Das gelingt ihnen anaerob.
  3. Um später zu sparen, muss man früh investieren. Kinder sind traditionell eine gute Kapitalanlage. Vielleicht lösen die Kinder ja sogar mal das Problem mit den Renten7.
  4. Lehrer sind am erfolgreichsten bei der Vermittlung von Lehrinhalten, wenn man sie diese Inhalte an Schulen unterrichten lässt. Im Flur der Arbeitsagentur sinkt ihre Effektivität gegen null.

Vier einfach Punkte, die unser Land bildungsmäßig weit nach vorne bringen. Dummerweise sind’s eher unbequeme Dinge, die ich da vorschlage - aber für Bequemlichkeit sind mir die Diäten aktuell auch einfach ein wenig zu hoch.
Also fangt besser jetzt an und tut was gegen die chronische Rechtschreibentzündung. Ist auch besser für meine geistige Gesundheit…

  1. Details zu den Defiziten kann man ganz gut bei der Rheinischen Post nachlesen. Für die YiGGlinge unter Euch: Ihr habt das hier schon gelesen. []
  2. Wenn Ihr an dieser Stelle schon erkannt habt, dass die Absatzüberschrift eine Alliteration enthält, dann braucht ihr Euch um Euch selbest keine Gedanken machen. Wahrscheinlich seid Ihr nicht in Deutschland zur Schule gegangen - oder Euer Abitur ist mehr als zehn Jahre her… []
  3. Schlechtes mathematisches Verständnis hat in Deutschland seit Adam Riese immer mehr Anhäner gefunden. Das zieht sich bis in die höchsten Kreise. Beispiel: Die letzte Mehrwertsteuererhöhung. Ihr erinnert Euch? Partei A: »Wir müssen die MwSt um 2 Prozentpunkte anheben« Partei B: »Viel zu viel! Höchstens ein Punkt ist vertretbar!« Partei A: »Okay. Wir treffen uns in der Mitte! Wir erhöhen um drei Prozentpunkte!« Partei B: »Super! Dann haben wir ja alle was wir wollten. Ihr habt zwei Punkte, wir haben einen…« []
  4. Nicht das mich das damals akut gestört hätte… []
  5. Hätte man mit dem Geld nur einen weiteren Lehrer eingestellt, wäre der Erfolg wahrscheinlich schon größer gewesen und wir hätten heute ein wesentlich kleineres Debakel an den Hacken. []
  6. Okay - in Deutschland ist das nicht so bekannt und Nörgeln und Jammern gehören zu unseren liebsten Hobbies… []
  7. Nicht das mit Euren Renten, liebe Politiker. Die sind sicher wie nie… []
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Es gibt Beiträge, die sind diesem hier irgendwie ähnlich. Nämlich diese:

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Bisher 1 Kommentar zum Artikel

  1. Kommentar von Barbara Schreiner

    Hallo!
    Supergeschrieben, bei uns zuhause in Österreich wurden laut Pisastudie ungefähr die gleichen ” Defizite” bemängelt.
    Lg. Babsi

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