Von Onkel Loco, 12. August 2007, 16:50 Uhr

»Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.« So sagt es schon ein altes Sprichwort. Was es verschweigt, ist die Tatsache, dass dieser »er« nicht nur etwas erzählen kann, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch erzählen wird. Und da ich vor kurzem eine Reise tat, werde ich Euch jetzt auch davon erzählen.

Vor nunmehr etwas mehr als drei Wochen unternahm ich also eine Reise. Es war eine Reise in ein fernes Land voller wilder Eingeborener, die eine fremde Sprache sprachen und fremder Riten und Gebräuche: nach Bayern.
Okay, ich geb’s zu. Richtig wild sind die Riten und Gebräuche in diesem fremden Land nur am Anfang des Monats Oktober - aber für einen gebürtigen Westfalen wie mich, reicht für den Anfang auch ein Besuch im Juli.

Aber ich will die Geschichte von vorn beginnen.

Meine Freundin und ich brachen an einem - für den Juli ziemlich frischen - Tag auf, um mit dem für gewöhnlich unzuverlässigsten Verkehrsmittel unserer Zeit auf große Fahrt zu gehen. Wir schleppten also die schweren Taschen in Richtung der U-Bahn, wo wir bereits - ganz ortstypisch - von den verzerrten Stimmen verschiedener Deutsch-Rapper begrüsst wurden.
Obwohl es uns natürlich sehr anstrengte, vermieden wir es unsere Reisetaschen abzustellen - man weiß ja nie, ob man es schafft, die Taschen bei Einfahrt der Bahn wieder vom Boden zu lösen und ob die dann an den Taschen anhaftende Verschmutzung dem Gewebe nicht dermaßen schadet, dass diese sich nach zwei Stunden vollständig auflösen.
So mühten wir uns also ab, bis wir also - nach dem Umstieg in eine mobile Bahnhofstoilette einen Regionalexpress in Bochum - endlich in Duisburg unseren ICE erreichten.

Ritt auf der Kanonenkugel

Offensichtlich hatte sich die Bahn vorgenommen uns zu verblüffen und so funktionierte überraschenderweise die Klimaanlage und das Bordpersonal war gut gelaunt. Auch waren viele Plätze frei und wir konnten uns gemütlich ausbreiten. Alle schreienden Kinder schienen im anderen Zugteil zusammengepfercht worden zu sein und niemand belästigte uns mit aufdringlichem Schweißgeruch.
All dies verwirrte mich dermaßen, dass ich während der ganzen Fahrt nicht in der Lage war, mich auf mein Buch zu konzentrieren - irgendwie schien ich dieser völlig unerwarteten Situation nicht zu trauen.

Als wir nach einiger Zeit - noch immer ohne Verspätung - Augsburg erreichten und das Bordpersonal über die Lautsprecher höchstvergnügt verkündete, der mobile Breznverkäufer sei zugestiegen und ansonsten immer noch alles glatt gelaufen war, hatte sich meine Paranoia fast ins unermessliche gesteigert.

Doch nichts geschah. Und tatsächlich erreichten wir die Stadt, die Westfalen schon seit jeher heimlich als das »Zentrum der Hölle« bezeichnen, ohne Verspätung.

Obwohl es uns natürlich sehr anstrengte, vermieden wir es unsere Reisetaschen abzustellen - wir fürchteten nämlich, mit unseren Taschen den Boden des Bahnhofs und des Bahnhofsvorplatzes verschmutzen zu können, während wir auf unseren einheimischen Fahrer warteten.

Der erste Kontakt

Als wir endlich unsere Herberge erreicht hatten, folgte der erste Schock für mich: Ich kam in Kontakt mit der landesüblichen Nahrung. Das Abendessen bestand aus Brezn, frischem Leberkäs und bayerischem, süßem Senf. Aber das war nicht der eigentliche Schock. Der Schock bestand vielmehr darin, dass mein - auf westfälische Kost eingestellter - Körper die Nahrung sehr gut vertrug und sich sofort eine Gewöhnung einstellte.
Sofort meldete sich also meine Paranoia wieder und mir war klar: »Die haben mich angefixt und jetzt ist es für Gegenwehr zu spät.«

Das Schicksal nimmt seinen Lauf

Nachdem ich also nun zwei Tage lang über die Nahrung langsam aber sicher in die Abhängigkeit getrieben wurde, ohne dass ich auch nur einen Hauch einer Chance zur Gegenwehr gehabt hätte, ergab ich mich in mein Schicksal. Freiwillig stellte ich Kontakt zu Eingeborenen her1 und alsbald wurde ich Teil einer gemischten Gruppe Einheimischer und anderer Abhängiger2 und fand mich in einer von Eingeborenen betriebenen Lasterhöhle wieder, die - in aller Öffentlichkeit und von den Staatsorganen geduldet - die Abhängigkeit vieler Zug’roaster3 ausnutzt und deren Sucht durch die Zufuhr der vor Ort üblichen Speisen und Getränke zusätzlich fördert. Die Wilden dort nennen dieses Etablissement wohl verharmlosend »Das weiße Bräuhaus«.

Nach kurzer Revolte meines noch nicht vollständig unterdrückten Ichs4, welche aber durch bayerisches Bier schnell niedergeworfen wurde, gipfelte der perfide Plan des Bergvolkes in einem Treffen mit der Lokalprominenz.

Nach etwas mehr als einer Woche war mein westfälisches Selbst vollkommen unterworfen. Selbst die Angehörigen zuhause hatten Ansichtskarten mit Motiven erhalten, die ein Westfale so niemals auswählen würde. So hatte ich meinem Bruder, seines Zeichens eingefleischter Borussia-Dortmund-Fan, eine Karte geschickt, deren Motivseite die Allianz-Arena zierte und ich war nicht mehr sicher, ob ich jemals wieder nach Hause würde zurückkehren können.

Kalter Entzug

Wie das aber nunmal mit Drogen so ist, hält der Rausch nur kurz an und der Tag der Abreise war gekommen. Wir wurden zur nahen U-Bahn-Station gefahren und dort ausgesetzt. Obwohl es uns natürlich sehr anstrengte, vermieden wir es unsere Reisetaschen abzustellen - Ihr wisst schon… In Bayern macht man sonst etwas schmutzig. Apropos schmutzig. In der U-Bahn traute ich mich zum ersten Mal in meinem Leben, mich hinzusetzen5 - und tatsächlich geschah nichts.

Die Rückfahrt mit dem ICE verlief nahezu ereignislos. Okay, es war etwas voller als auf der Hinfahrt und im Abteil fuhren auch nervige Kinder mit - aber noch hatte ich keine Angst. Möglicherweise lag das aber auch daran, dass wir von den bayerischen Brezn zehren konnten, was die Drogenkonzentration im Blut auf einem erträglichen Pegel hielt.

Der erste Entzugsschock setzte dann aber ganz plötzlich ein: beim Verlassen des ICE in Duisburg und dem damit verbundenen Umsteigen in die mobile Bahnhofstoilette den Regionalexpress6. Obwohl es uns natürlich sehr anstrengte, vermieden wir es unsere Reisetaschen abzustellen - schliesslich hatten wir schon Schwierigkeiten die Füße vom klebenden Bahnhofsboden zu lösen.
Im Express selbst unterhielt ein junges Mädchen den kompletten Wagen mit einem Telefonat und interessierte sich nicht im geringsten dafür, dass die besprochenen Themen für die restlichen Fahrgäste nicht im Geringsten von Interesse waren.

Auch in der U-Bahn wurde es nicht besser - im Gegenteil. Eine Horde halbwüchsiger VoKuHiLa7-Träger nutzten Ihre Mobiltelefone um den anderen Fahrgästen einen bunten Strauss unerträglicher Melodien zu präsentieren. Zum ersten Mal in der bis zum heutigen Tag andauernden fröstelte ich und bekam eine Gänsehaut8.

Wieder zuhause

Die erste Woche nach meiner Rückkehr verbrachte ich fast ausschließlich in den eigenen vier Wänden. Jeder Versuch, mich der rauhen, drogenlosen Wirklichkeit zu stellen quittierte mein Körper mit einem unglaublichen Erschöpfungsgefühl.
Noch immer fällt es mir schwer, mich dieser schmutzigen Stadt mitsamt ihren finsteren Einwohnern zu stellen und auf jedem Ausflug frage ich mich, warum mir diese Gesellen vorher nie so deutlich aufgefallen waren.
Übelnehmen kann ich meine jetzige Situation den Bayern aber nicht9 - es wäre nämlich auch durchaus denkbar, dass es sich um einen bloßen Kulturschock handelt. Ein Kulturschock ausgelöst durch meine eigene Kultur…

  1. Servus Beni! []
  2. Servus Erik, Enrico, Chris und Robin! []
  3. Übersetzung: Zugereister, euphemistisch für »nichtsahnendes Opfer« []
  4. Ein Grillabend nach westfälischer Tradition. []
  5. Drogen machen halt übermütig []
  6. Sorry. Aber das verwechsle ich immer wieder… []
  7. vgl. Fußballerfrisur, Vorne Kurz, Hinten Lang []
  8. Westfälisch: Pockenmantel []
  9. Vielmehr bin ich mir sicher, dass das alles nur an den Hormonen liegt… []
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Bisher 7 Kommentare zum Artikel

  1. Kommentar von Onkel Loco

    Mensch Erik! Das darfste doch so laut gar nicht schreiben… Hinterher liest hier noch einer und dann weiß jeder, was Ihr Bayern für welche seid,,,

  2. Kommentar von Erik

    Tja Onkel,
    dann hast Du den perfiden Plan wohl doch durchschaut. Wochenlange Vorbereitungen und dann das. :b

  3. Kommentar von Onkel Loco

    @Rick: Als nächstes geht’s zum Rocket-Riding nach Afghanistan ;-)
    @StoiBär: Das wird sich zeigen. Westfalen hat auch seine schönen Seiten - die sind nur gut versteckt…

  4. Kommentar von Rick

    Hendrik in Bajuwarish Harlem - ein prima Reisebericht, gratuliere! :)
    Um die heimischen Hygienebedingungen und Mentalitäten wieder mehr zu schätzen empfehle ich die nächste Reise in ein Krisengebiet wie Kosovo, Darfur oder Neukölln zu machen, dann weiß man seine Heimatscholle wieder zu lieben…

  5. Kommentar von StoiBär

    Irgendwann kriegen wir Euch alle! Aber wart nur, bis Du mal das echte Bayern kennenlernst! Dann fährst Du nicht mehr freiwillig heim! ;-)

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