Von Onkel Loco, 26. März 2007, 10:17 Uhr

Es ist Freitag. Kurz nach zwanzig Uhr. Besuch hatte sich angekündigt und wollte vom Bahnhof abgeholt werden. Also schnell in die Schuhe gehüpft und zur nahen U-Bahn-Station gemetert. Ist ja nicht weit.

Der Weg zur U-Bahn führt mich an einer Bushaltestelle vorbei. »Ganz schön voll hier!«, denke ich so bei mir, als ich mich durch das Rudel Jugendlicher im Alter zwischen 12 und 16 drängle. Noch ahne ich nicht, wem ich gleich begegnen sollte. Zwei Deutsch-Rappern nämlich, deren »Musik« ich so garnicht ausstehen kann…

Die letzten Meter zum Eingang zu den Herner Dungeons sind schnell zurückgelegt. Die Rolltreppen, die ins Schattenreich hinunterführen sind außer Betrieb. Wie immer. Zum Glück »funktioniert« die normale Treppe, obwohl es mich nicht gewundert hätte, wenn die Vandalen die auch noch kaputtgekriegt hätten.

Im ersten Untergeschoss ist es still. Zunächst. Denn im zweiten Untergeschoss fährt die U-Bahn in die Gegenrichtung ein und die Türen öffnen sich. Spontan wird es laut, denn die Waggons würgen einen nicht enden wollenden Strom Bravo-Jünger hervor. Ich sehe Sektflaschen und Alcopops, als die Herde an mir vorbeitrabt. »Ey, Alter! Du bist voll das Opfer!«, plärrt einer der Leithammel einem seiner Kumpel zu. »Willkommen in Herne!«, denke ich und nehme die (funktionierende!) Rolltreppe hinab zum Bahnsteig.

Der Lärm hat sich gelegt. Grosse Teile des Mobs sind in die Nacht entschwunden - auf dem Bahnsteig ist nicht viel los. Nur zwei Rapper duellieren sich verbal. Der eine behauptet, wir sähen alle aus wie Junkies, der andere sinniert über Geschlechtsverkehr mit der Mutter des anderen. Oder so.

Hatte ich erwähnt, dass die beiden Rapper etwas verzerrt klingen? Nein? Oh. Okay. Die beiden Rapper klingen etwas verzerrt, was wohl daran liegen mag, dass man bei der Soundqualität Abstriche machen muss, wenn man versucht, mit seinem Handy einen kompletten U-Bahnhof zu beschallen…

Als ich also zwischen diesen beiden verbliebenen Kleingruppen cooler Gangster auf dem Bahnsteig stehe, sehe ich plötzlich klar. Die heutige Jugend ist mit einem Mal kein Geheimnis mehr für mich. Ich weiss, was es braucht, um heutzutage unter Jugendlichen jemand zu sein.

Zunächst braucht man ein Handy. Die Marke ist egal. Die Hauptsache ist, es spielt MP3s möglichst laut ab. Die zumeist beiliegenden Ohrhörer sollten bei der ersten Gelegenheit weggeworfen werden. Von Vorteil ist ein Klapphandy. Das kann man sich nämlich total cool an den Kragen des T-Shirts clippen.

Dieses Handy muss zum Einen gut mit Klingeltönen bestückt sein, zum Anderen muss natürlich eine gewisse Musikauswahl zur Verfügung stehen. Wichtig hierbei ist es, zumindest einen deutschsprachigen Hip-Hop-Act mit möglichst dümmlichen Texten im Angebot zu haben. In der Hauptsache sollte es textlich um Ghettos und das Recht des Stärkeren gehen, was der Vortragende mit möglichst vielen Kraftausdrücken garniert zum Ausdruck bringen sollte. Jugendliche mit Migrationshintergrund sollten zudem muttersprachliche Folklore in ihre Playlist einbauen - so kann man sich einer drohenden Integration besser entziehen (Ooops! Das war jetzt politisch aber überhaupt nicht korrekt…). Für den Fall, dass man sich in weiblicher Begleitung befindet, sollte sichergestellt sein, dass man Musik aus den Bereichen R’n'B und Soul im Sortiment hat. Man weiss ja nie, wie das Objekt der Begierde reagiert, wenn es sich nach der dritten Flasche Sekt überlegt, dass jemand, der so coolen Gangsta-Rap hört und damit einen ganzen Bahnhof beschallen kann, wohl wirklich was in der Hose haben muss und einen auf die Damentoilette der Dorfdisco zerrt, um nachzusehen…

Und hieraus ergibt sich auch die Notwendigkeit, eine Hose zu tragen, die von vornherein mit einem Gürtel in den Kniekehlen befestigt wird. Die muss nicht erst heruntergezogen werden, wenn es zum Äußersten kommt.
Bedingt durch die Wahl der Hose wählt man die Bekleidung für den Oberkörper. Will man nicht ständig mit einem entblößten Hinterteil durch die Weltgeschichte rennen, benötigt man also ein viel zu langes Sweatshirt…

Nicht erklären kann ich mir allerdings, warum die Mädels momentan aussehen müssen, als ob sie vom Kleiderschrank aus durch eine viel zu enge Jeans direkt in kniehohe Stiefel gesprungen wären und warum ich noch so eine Göre dabei beobachten konnte, wie sie selber mit ihrem Musikhandy einen Bahnhof beschallt.

Vielleicht könnt Ihr mir helfen, diese Frage zu klären. Und wo wir schonmal dabei sind: Haben wir in unserer Jugend auch solche Dinge getan? Waren wir auch ein öffentliches Ärgernis? Ich für meinen Teil komme mir zumindest sowas von harmlos vor…

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Bisher 17 Kommentare zum Artikel

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  1. Kommentar von Kittyluka

    Das hast du schön gesagt.

    Aber nicht alle die Musik machen sind Idioten, ich bitte das aus dem Protokoll zu streichen :P

  2. Kommentar von Onkel Loco

    Nur um das mal klarzustellen. Ich behaupte hier nicht, dass alle, die HipHop oder Rap hören Vollidioten sind - ich wollte nur mal zum Ausdruck bringen, dass alle Idioten, die mich in freier Wildbahn ungefragt per Handy beschallen, das mit HipHop und Rap tun.

    Also merket: nicht die Musik macht die Idioten, sondern die Idioten machen die Musik…

  3. Kommentar von GrandMaster-D

    Ich, als (durchaus ausklingender) Teil der “heutigen Jugend” kann mit Fug und Recht und voller Stolz behaupten und verkünden nicht in die deutsche “Undergorund Rap” scene integriert zu sein. Zwischen Killerspielen wie Trackmania: United und Gewaltvideos wie Final Fantasy VII: Advent Children fände ich auch überhaupt keine Zeit eben so ein Event zu besuchen, zumal ich doch um 10 ins Bett muss. :scretch:

    Aber es ist nur noch eine Frage der Zeit bis die Aggro Klingeltöne den neueste House Trends weichen müssen und wer weiß, vll begegnen wir uns dann ja mal in der U-Bahn Station und ich beschalle diese Gruft mit meinem Simens A50 Mobiltelefon und nötige fremde Menschen Lieder zu hören wie Insomnia von Faithless oder Axel F. von Harold Faltermeyer (alles monotone klingeltöne versteht sich). Mehr Klingeltöne hab ich leider nicht und die, die ich habe sind nicht einmal von Jamba. Macht mich das nun auch uncool? Da schalt ich doch gleich mal meinen Fernseher ein und informier mich via Jamba TV über die neuesten Trends aus Amerika, damit ich morgen in der Schule auch mitreden kann!

  4. Kommentar von ich halt

    ich finde den artikel sehr beleidigend
    hiphop ist weitaus mehr als eine von der bravo gehypte musikrichtung

  5. Kommentar von Man in Metropolis

    Nein, das haben wir nicht getan… definitiv nicht!

    Ich habe am Wochenende eine Freundin besucht und wir haben uns gemeinsam ihre Bilder aus den 80´er angesehen. Und damals hatten die Mädels mehr weitere Pullis an und … vorallem… sagen sie nicht aus, als wären sie alle in einen Tusch-Kasten gefallen.

    Was ich festgestellt habe, die großen Ohrringe waren schon einmal da. ´87 und ´88 hatten wir dieses Phänomen.

    Und mal ehrlich… kannst Du Dich noch an Deinen ersten Walk-Man erinnern… den von Sony, den blauen Großen… mein Gott… den musste ich mir umhängen. Viel zu schwer und zu unhandlich dieses Ding irgendwie an die Ohren zu halten.

    Ach… das waren noch Zeiten.

  6. Kommentar von Kittyluka

    Also ich habe definitiv niemals solche Dinge getan bzw. angehimmelt. Aber in Berlin konzentriert sich die Jugend wenigstens nur auf ein paar Stadtteile… Na gut… alle außer einen.

    Übrigens solltest du Verständnis aufbringen, wenn die kleinen schonmal 20 Euro für einen Klingelton bezahlt haben, dann sollten sie damit alles beschallen dürfen, was sie wollen. (Was jetzt nicht heißen soll, dass ich nicht auch der Meinung bin, die Jugend wäre eingeschlossen mit ein paar Granaten besser aufgehoben)

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