Es ist nicht gut, sich so früh am Morgen schon aufzuregen. Ich mach das aber trotzdem. Vielmehr lasse ich zu, dass mich die aktuelle Unterschicht-Debatte aufregt.
Da findet die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung heraus, daß in Deutschland acht Prozent der Bevölkerung eine »neue Unterschicht« bilden und plötzlich sind Politiker aller Parteien sowas von überrascht und versuchen, sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben, sich selbst in Unschuld zu waschen oder sogar Teile der eigenen Partei zu zerfleischen. Wieder andere wollen das Problem lieber mit rhetorischen Mitteln aus der Welt schaffen (Lieber Herr Kauder, lieber Herr Brauksiepe, auch ein Entsorgungspark ist letzten Endes eine Müllkippe - auch wenn’s besser klingt…). Die bisher beste Idee hatte meiner Meinung nach Herr Geißler als er der SZ sagte, die Menschen, die zur neuen Unterschicht gehörten seien »ein Opfer der SPD-Politik unter (Ex-Bundeskanzler Gerhard) Schröder, Opfer der Agenda 2010 und von Hartz IV«. Na da haben wir das Problem ja direkt gelöst. Schröder ist Schuld, aber zum Glück ja auch schon weg. Da muss man sonst niemanden mehr zur Verantwortung ziehen. Der Herr Hilsberg (stellvertretender SPD-Fraktionschef) scheint auf den ersten Blick in dieselbe Kerbe zu schlagen (»Wir haben den Menschen vorgegaukelt, dass mit Fordern und Fördern jeder den ersten Arbeitsmarkt erreichen kann«), macht aber im gleichen Atemzug einen Rückzieher und teilt zunächst mit, wer »wir« ist (»Gerhard Schröder hat zu kurz gedacht.«) und beweist hinterher, daß wir nicht wirklich wir sind sondern eher wir (Es gereicht Kurt Beck zur Ehre, daß jetzt das Thema Unterschichten in den Fokus der Diskussion gebracht hat usw. usw.).
Anders die FDP: Sie begnügt sich damit, einfach Schlau daherzureden: »Sozial ist nicht länger, wer umverteilt, sondern wer Arbeitsplätze schafft. Denn alles, was verteilt werden soll, muss vorher erwirtschaftet werden«. Vielen Dank Herr Esser. Ich hab da auch nen Satz aus der gleichen Kategorie: »Wenn der Hahn kräht auf dem Mist…«
Wirklich witzig fand ich den Kommentar der stellvertretenden Vorsitzenden der Linksfraktion im Bundestag, Petra Pau: »Das einzig Überraschende an der Studie ist die überraschte Reaktion der SPD…«. Ich will’s mal so formulieren: ROFL!
Prima. Jetzt sind sich die Damen und Herren mal wieder an die Kehle gegangen. Hat’s was genützt? Ich denke: Nö. Wird die ganze Diskussion irgendwelche Auswirkungen haben? Ich denke: Nö. Das ganze Gesabbel wird keinem aus der »neuen Unterschicht« auch nur im Geringsten helfen. Es wäre vielleicht mal ganz schön, wenn mal jemand der Damen und Herren Politiker versuchte etwas zu tun statt nur zu reden, wobei ich ehrlichgesagt nicht glaube, daß der Rest der Bande so eine Dreistigkeit zulassen würde…
Ich versuch jetzt mal, mich abzuregen und ein wenig zu arbeiten. Ich hab wenigstens noch nen Job…
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