Habe gerade bei der Freundin der Sanduhr den Artikel »optimiert für…« gelesen. Habe mich denn auch dazu hinreissen lassen einen Kommentar zu schreiben und habe mich (mal wieder) etwas in Rage geschrieben.
Und weil ich gerade so in Rage bin, schreibe ich diesen Beitrag. Es geht hier um die Internetpräsenzen von Unternehmen und die Kompetenz der Entscheidungsträger dieser Unternehmen in Bezug auf das Internet im Allgemeinen und die Möglichkeiten des Marketings im Internet im Speziellen. Ich persönlich habe täglich mit kleinen mittelständischen Unternehmen verschiedener Branchen zu tun, die sich an uns wenden, weil sie »sich mittlerweile dazu gezwungen sehen« ihr Unternehmen auch im Internet zu präsentieren. Viele dieser Unternehmen werden nicht zu unseren Kunden, da sie mit der Beratung durch uns nicht zufrieden sind. Beraten wir also schlecht? Ich denke, nein. Das Problem ist einfach, daß »dem Kunden zu sagen was er hören will« nicht zu unseren Beratungsleistungen zählt. Und so sieht es dann leider oft so aus, daß unsere Angebote nicht den finanziellen Vorstellungen der Anfrager entsprechen. Sind wir also zu teuer? Wiederum nein. Gemessen an unserer Leistung sind wir verhältnismäßig günstig. Wie ergibt sich jetzt also das Problem, daß viele unserer Angebote nicht angenommen werden?
Dafür gibt es vielfältige Gründe. Ich fange einfach mal an:
Vielen Entscheidern ist einfach nicht bewußt, daß Internetauftritt nicht gleich Internetauftritt ist. Äpfel und Birnen sind ja auch beide Obst und von daher dasselbe. Bei Ebay werden Webseiten ab 100 € angeboten. Fazit: Internetseiten kosten generell 100 € und wenn man das schon bei Ebay anbietet, muß man ja wohl ein Profi sein. Wie sagt man aber jetzt einem potentiellen Kunden, daß es da schon Unterschiede gibt? Wie erklärt man jemandem, daß er für einen »einfachen Internetauftritt« ernsthafterweise mal mit dem 15fachen rechnen soll? Die Argumente eines eigenständigen Designs, daß auf das Unternehmen zugeschnitten und unverwechselbar ist oder einer durchdachten Benutzerführung zählen da genausowenig wie Farbpsychologie und Abstimmung auf die Zielgruppe. Typographie hat auf Internetseiten sowieso nichts zu suchen, das Internet ist ja keine Zeitung…
Die Wichtigkeit eines aufgeräumten und in Hinsicht auf die OnPage Suchmaschinenoptimierung optimalen Quelltext kann man von vornherein als Argument vergessen. Quelltext ist doch grundsätzlich nur was für Freaks und hat ist unabhängig von der Seite ein bloßes Nebenprodukt. OffPage Optimierung (was ist das?) und eine gute Platzierung innerhalb der Suchmaschinenergebnisse für gegebene Keywords brauchen wir nicht. Ist doch VIEL ZU TEUER. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, daß die Kunden sowieso alle nur über die Gelben Seiten und die Anzeige im Käseblättchen kommen. Wir wollen uns doch sowieso nur den Kunden präsentieren, die uns schon kennen…
Alle diese »Gegenargumente« kann ich ja mit einem Seufzer noch hinnehmen - wenn dann aber das »Argument« »das ist doch kein so großer Aufwand, so schwer kann das ja nicht sein« kommt (und das kommt IMMER), dann fühl ich mich doch etwas gekränkt. Ich geh doch auch nicht in ein Unternehmen und erzähle denen, ihre Arbeit wäre ja ein Klacks und stelle die für die Ausführung der Tätigkeit erforderliche Qualifikation in Frage. Da käme ich nicht im Traum drauf.
Mal im Ernst: Ich kann will so nicht arbeiten. Und es ärgert mich maßlos, daß die Leute ernsthaft glauben, sie bekämen für schlappe 100 Euroletten einen professionellen Internetauftritt und wir wären nur teurer, weil wir moderne Raubritter sind, die unschuldigen Unternehmern im »dunklen Wald Internet« auflauern und dann ohne Skrupel ausnehmen.
Geiz ist schlicht und ergreifend nur so lange geil, wie man sich nicht nur noch vom Preis leiten läßt und alles Andere vergisst. Schön und gut, wenn man der Meinung ist, man habe nicht das Geld um seinem Unternehmen eine individuelle Internetpräsenz zu gönnen, man darf dann aber bitte auch nicht erwarten, daß die Internetnutzer die eigene Homepage besser finden als die der Konkurrenz, die sich von der eigenen nicht unterscheidet.
Ich hoffe, die werten Leser dieses Ausbruchs mögen sich mal Gedanken darum machen, ob an meinen Ausführungen nicht vielleicht was Wahres dran ist und eine 100-Peitschen-Webseite, die keinerlei Nutzen bringt (und möglicherweise sogar Kunden verschreckt) die beste Investition ist.
Werde jetzt erstmal einen Tee trinken um mich wieder etwas zu beruhigen und mich dann mal an die Arbeit machen. Muß noch eine Website feintunen. Die soll nämlich bis Mittwoch online sein. Und obwohl sie noch nicht Online ist, hat sie uns schon per Empfehlung den nächsten Auftrag gebracht. Vielleicht ist ja noch Hoffnung und Qualität bedeutet bald wieder was…





Kommentar von Freundin der Sanduhr
2 25. September 2006, 09:26 Uhr |
Es ist nicht die Frage, ob man sich derlei Klientel antun will oder kann, sondern, wie diese Links liegen lässt
Wer nicht will, der hat schon. Aber wer gehört dann zur Zielgruppe? Ich tippe mal auf Unternehmen, denen der Auftritt auch etwas bedeutet und die nicht die Standardvisitenkarte bei der günstigsten Druckerei in Auftrag geben. Mal ehrlich - wer billig Kommunikation betreibt, wird es anderen vielleicht billig, aber nicht Recht machen und schaufelt sich damit ohnehin das eigene Grab. … und für solche Kunden arbeiten? Nein, wir sind doch keine Totengräber 
Pingback von Freundin der Sanduhr » Blog Archive » Re: Optimiert für …
# 26. September 2006, 17:34 Uhr |
[…] Nachdem nun der Artikel Optimiert für … einige Leser bewegt hat, kommt hier die Fortsetzung, denn das war natürlich nicht alles, was sich zu diesem Thema schreiben lässt … Seit Ende der 1990er Jahre hat sich die Entwicklungskurve, was Webtechnik1) angeht, stark abgeflacht, so dass man annehmen sollte, die Kinderkrankheiten seien nunmehr beseitigt. Dennoch findet man allerorten Nutzerunfreundlichkeiten, so dass ich mich frage: Wollen die Betreiber überhaupt, dass ihre Websites besucht werden? Und vor allem: Ist das der State of the Art der Webdesignfrickelei?2) - Hier einige Beispiele: […]