Es ist also tatsächlich soweit: Der Onkel ist zurück und schreibt die Fortsetzung von »Ein Tag im Shop«. Lange genug hat es ja gedauert, aber mittlerweile ist das Prosa-Faß voll und jetzt muss einfach alles raus.
Für diejenigen, die den ersten Teil noch nicht gelesen haben, würde ich empfehlen direkt um 9.00h anzufangen…
So. Genug gequatscht. Los geht’s…
12.00h - 13.00h
12.00h Der Anwalt redet unbeirrt weiter. Es scheint ihm völlig gleichgültig zu sein, dass er gerade mit seinem Leben spielt. Vermutlich spekuliert er darauf, uns im Falle eines Falles noch posthum verklagen zu können.
Er quatscht also munter weiter und schiesst mit Beleidigungen um sich. Selbst Ghandi könnte jetzt nicht mehr an sich halten. Ich falle ihn an und er explodiert in einer Fontäne aus Blut. Die Schaufensterscheiben werden undurchsichtig. Ein feiner roter Nebel legt sich über die Notebooks…
12.45h Ich komme zu mir. Ich sitze vor dem Laden auf der Bank. Wo ist das Blut hin? Hat wer gewischt? Chef besteht darauf, das Blutbad habe niemals stattgefunden. Behauptet tatsächlich, ich hätte den Laden bleich und zitternd verlassen, mich auf die Bank gehockt und in knapp 40 Minuten eine komplette BigBox weggeraucht. Die Zigarettenkippen vor meinen Füßen scheinen seine Aussage zu untermauern.
Seltsam. Kann mich nicht erinnern wie der Anwalt völlig enttäuscht den Laden verlassen hat, nachdem Chef ihm erklärt hat, dass wir kein Geld bezahlen, um für Kunden arbeiten zu dürfen…
12.59h Habe mich wieder gefangen. Konnte meinen Kreislauf mit Kaffee wieder einpendeln. Alles wird gut.
13.00h - 14.00h
13.15 Ein junger Mann betritt den Laden. Er zeigt auf die Geldbörse, die im Schaufenster liegt und behauptet, seine Eltern hätten das gute Stück gestern im Laden verloren und er wolle sie jetzt abholen. Er scheint nicht bereit zu sein, zu akzeptieren, dass diese Geldbörse mit Sicherheit niemals seinen Eltern gehört hat, da wir sie selbst ins Schaufenster gelegt haben. Selbst, als Chef ihm erklärt, er habe das Teil selbst gekauft, um den Laden zu dekorieren, ist er noch nicht bereit von seiner These Abstand zu nehmen. Sachen gibt’s!
13.30h Ich fühle mich stark genug, mich wieder Eclipse zuzuwenden, als eine Omi den Laden betritt. Sie will Batterien für ihre Fernbedienung. Fragt nicht…
13.35h Irgendwo muss da ein Rentner-Nest sein. Diesmal betritt eine Oma den Laden von der Bank aus. Sie will sich beschweren, weil die EC-Automaten ihr ohne Geheimzahl kein Geld geben wollen. Und das, wo sie doch die Karte hat! Unsere Beteuerungen, dass wir wirklich nicht zu der Bank gehören, will sie nicht akzeptieren. Als sie den Laden verlässt hat Chef ihr einen Kredit und ein Zeitungsabo verkauft. Ich glaube, der war kurzfristig mies drauf…
13.55h Der Postmann taucht wie aus dem Nichts auf und knallt zwei Kartons auf die Theke. In dem einen steckt mein neues Display. 24 Zoll. Samsung. Beim Grinsen reisst mir ein Mundwinkel ein.
In dem anderen stecken ein paar USB-Raketenwerfer. Der andere Mundwinkel reisst und Chef und ich rüsten unsere Rechner auf. Nach einem kurzen aber heftigen Gefecht gewinnen wir den Eindruck, aus dem Tag könne tatsächlich noch etwas werden…
14.00h - 15.00h
14.10h Während ich mein neues Display anschliesse, beginnt Chef mit den ersten Zeichnungen zum RocketLauncher-Upgrade. Er faselt irgendetwas von »stärkeren Federn« und »WebCam-Support« und wirkt wie ein kleiner Junge an Weihnachten. Ich nehme mir vor, nach einer Gehaltserhöhung zu fragen. Die Gelegenheit scheint günstig.
14.55h Panik! Eine Dreiviertelstunde ohne Idiotenalarm? Ich habe Angst. Ich richte den Raketenwerfer auf die Eingangstür aus. Chef nimmt die andere Tür aufs Korn. Sicher ist eben Sicher.
15.00h - 16.00h
15.20h Na endlich! Die nächste Bunke taucht auf. Frau. Mittleres Alter. Eigentlich. Versucht aber krampfhaft jugendlich zu wirken. Hier und da ein paar eingestreute Anglizismen, Wortwahl betont derb, so lässig, dass es albern wirkt. Will einen Rechner. Bitte nicht! Die wird für jeden Quatsch anrufen und uns mit ihren sämtlichen Problemen belasten, weil sie meint, das gehöre zum Support. Ich kann nicht verhindern, dass Chef ihr den Rechner verkauft. Er scheint zu glauben, sie so am schnellsten loszuwerden. Sie verspricht, uns weiterzuempfehlen und ich bete, dass sie es nicht tut.
15.35h Seit zwei Minuten beschäftige ich mich wieder mit Eclipse, als ein Mann den Laden betritt. Wir hätten da so schöne Uhren im Schaufenster, was die wohl kosten sollen, will er wissen. Chef erklärt, das wären echte »King Quarz« und die wären für schlappe 4500 Kracher zu haben. Der Typ schlägt sich die Kinnlade an der Theke auf. Chef lacht, bis die Tränen fliessen und der Mann klaut uns auf dem Weg nach draussen einen Kugelschreiber.
15.48h Plötzlich ist der Laden voller Chinesen. Hey! Zwei von denen kenne ich. Die hatten vor ein paar Tagen ein Notebook gekauft. Chef und ich waren noch so stolz, dass wir ein IBM-Notebook an China zurückverkauft hatten - und jetzt stehen die hier mit der ganzen Familie im Laden. Der Chef der Familie ist der Einzige, der ein paar wenige Brocken deutsch spricht und versteht. Er erklärt, sie wollten das Notebook zurückgeben, weil sie mit der deutschen Oberfläche nicht zurechtkämen. Kein Problem. Ubuntu kann chinesisch. Also beginne ich mit der Umstellung der Sprache…
16.00h - 17.00h
16.05h Es ist geschafft! Alles chinesisch. Super. Die netten Leute können das jetzt alles lesen und freuen sich. Selbst die Titel der raubkopierten chinesischen Pornosammlung, die sich innerhalb von zwei Tagen den Weg auf das Laptop gebahnt hatte, waren jetzt in chinesischen Schriftzeichen zu bewundern. Ein feuchter Traum wird wahr. Und das mitten in Bochum…
16.10h Nein, verdammt! Ich kann jetzt keine Systemeinstellungen mehr ändern! Ich kann die verdammte Schrift nicht lesen, und Ihr könnt mir das nicht übersetzen! Und nein, ich werde jetzt keinen spontanen Chinesisch-Kurs dazwischenschieben. Ich habe alles getan, was ich für Euer ungetrübtes Porno-Vergnügen im Rahmen des nächsten Familientreffens tun konnte. Seht zu, dass Ihr Land gewinnt und empfehlt unsere Konkurrenz weiter!
16.30h Seit vier Minuten beschäftige ich mich wieder mit Eclipse, als ein Mann den Laden betritt. Wir hätten da so schöne Kugelschreiber im Schaufenster, was die wohl kosten sollen, will er wissen. Chef und ich richten die Raketenwerfer aus. »Nur Deko. Nicht zu verkaufen. Hasta la Vista, Baby!«, sagt der Chef und der Mann verlässt fluchtartig den Laden.
16.50h Der Praktikant kommt zurück und wirkt etwas angepisst. Und das bloß, weil wir ihn in ein Notebook-Kostüm gesteckt hatten, damit er mit einem Schild bewaffnet vor dem Bochumer Landgericht auf und ab läuft. »Kauft Ablass-Notebooks«, stand da drauf - schliesslich lief da ein Prozess gegen ein paar Steuersünder und man kommt nie wieder so günstig an Fernsehwerbung…
17.00h - 18.00h
17.09h Der Prakti scheint wirklich sauer zu sein. Ich versteh nicht wieso. Ich schieße eine Ladung Schaumgummiraketen auf ihn. Der soll sich mal beruhigen…
17.15h Jetzt ist der Chef auch noch sauer. Er hat seinen täglichen Anruf bei der HP-Support-Hotline hinter sich gebracht. Auch heute besteht HP darauf, dass ein Netzwerkdrucker über USB lokal an einen Rechner angeschlossen werden muss, damit er funktioniert. Unsere Aufgabe heute: Toner leerdrucken um zu überprüfen, ob weiterhin Fehler auftreten.
Ich werfe Chef einen Beutel Süßkram zu. Das ist das Einzige, was ihn jetzt noch vor der Intensivstation bewahrt.
17.41h Noch zwanzig Minuten bis Feierabend. Dachte ich vor einer Minute. Jetzt weiss ich es besser. Ein Opa mit Mütze hatte den Laden betreten. Ein alter Bekannter. Versucht jetzt seit einem Monat, Chef und mich davon zu überzeugen, dass wir ihm einen mobilen Emailzugang auf seinem Handy einrichten sollen. Er kann / will / darf? nicht akzeptieren, dass das nicht unser Fachgebiet ist. Und daher ignoriert er unsere Hinweise hartnäckig und wiederholt sein Anliegen immer und immer wieder.
17.55h Hinter dem Opa drängeln sich zwei Menschen in den Laden.
Nummer 1: »Ey, habt Ihr Schlüsselaufhänger?«
Ich: »Schlüssel-was?«
Nummer 1: »Schlüsselaufhänger. Ich muss unbedingt meinen Schlüssel irgendwo aufhängen!«
Ich: »Hömma, Keule. Das ist ein Computerladen. Du kannst hier Notebooks kaufen. Wir sind doch kein Baumarkt!«
Nummer 1: »Krieg ich dann wenigstens nen Kaffee umsonst?«
Ich: »Nicht in diesem Leben. Mach nen Abflug!«
Nummer 2: »Habt ihr Schreibwarenbedarf?«
Ich: »Nein, verdammt. Hier gibt’s keinen kostenlosen Kaffee, egal was ihr vorher fragt. Geht woanders schnorren, ihr Vögel!«
Chef schaut etwas irritiert. Der Opa hat es sich überlegt. Auch wenn wir es nicht zugeben wollen. Bestimmt könnten wir ihm den Mailaccount einrichten…
18.00h bis zum bitteren Ende
18.09h Ich entschliesse mich, vor der Tür eine zu rauchen und dann unsere Werbemittel reinzuholen. Werde von lauernden Schnorrern angebettelt.
18.15h Der Opa verlässt den Laden. Frage mich, wie Chef den wohl losgeworden ist. Als ich den Laden wieder betrete, habe ich zwei Menschen im Schlepptau. Sie verlangen nach ausgiebiger Beratung…
18.45h Beratung abgeschlossen. 50% Trefferquote. Einer kauft, einer stellte am Ende der Beratung fest, dass er eigentlich nur Gesprächsbedarf und keine Kaufabsicht hatte.
19.00h Als der Laden leer ist, schliessen wir schnell die Türen ab. Geschafft. Denken wir. Da klingelt das Telefon. Ein Kunde will ein Notebook zurückgeben, weil er unter Ubuntu den Windows Media Player nicht installieren kann. Ich lege auf und packe meine Sachen zusammen.
Es geht heimwärts
Jetzt ist alles gut. Der kleine rote Horrorladen hat uns auch heute nicht geschafft. Morgen bekommt er wieder eine Chance… Ich werde jetzt noch eine abenteuerliche Reise mit der U-Bahn unternehmen. Und falls ihr noch nicht gelesen habt, was einem da so passieren kann, dann schaut doch einfach mal hier…
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